Aktuelles
Im Rahmen der alljährlichen Gedenkveranstaltung zur „Salzburger Bücherverbrennung 1938“ beschäftigt sich die „Initiative Freies Wort“ am Donnerstag, dem 30. April 2026, 18.30 Uhr, in der Universität Salzburg sowie beim Mahnmal „Buch-Skelett“ auf dem Residenzplatz mit dem Thema
RECHT und GERECHTIGKEIT
Das Gedächtnis an die „Salzburger Bücherverbrennung“ erschien fast fünfzig Jahre lang wie gelöscht. So lange dauerte es, bis 1987 eine Initiative der Salzburger Autorengruppe erstmals an dieses ungeheuerliche Vorkommnis erinnerte. Erich Fried nahm damals in seiner aufrüttelnden Rede den Vandalenakt der Salzburger Bücherverbrennung zum Anlass, von Grundsätzlichem zu sprechen – von der Vernichtung des Buches als einem symbolischen Zeichen der Auslöschung von Geist, Freiheit, Emanzipation sowie Gerechtigkeit, also von einem aktuellen und virulenten Problem unserer Gegenwart.
Im Jahr 2007 wurde Residenzplatz erneut zum Ort der Mahnung – in einer bewegenden Veranstaltung mit engagierten Gegenwartsautor*innen, organisiert vom Zentrum für Jüdische Kulturgeschichte, von Literaturhaus, Friedensbüro, Katholische Aktion, erinnern.at und der Israelitischen Kultusgemeinde. Danach kam es zu intensiven Diskussionen über ein Mahnmal; heute gibt es gleich drei in der Stadt Salzburg: die Gedenktafel an der St. Michaels- Kirche (2011), das Mahnmal im Innenhof des Uniparks Nonntal (2012) und das Erinnerungsdenkmal „Buchskelett“ am Rand des Residenzplatzes (2018).
2013 jährte sich zum 75. Mal die „Salzburger Bücherverbrennung 1938“. Die Salzburger INITIATIVE FREIES WORT – gegründet von Tomas Friedmann (Literaturvermittler), Albert Lichtblau (Historiker) und Karl Müller (Germanist) sowie Ingeborg Haller (Juristin; sie schied später freiwillig aus der Initiative aus) – will seitdem Salzburg zu einem Ort machen, an dem kontinuierlich daran erinnert wird, dass Emanzipation, Fortschritt, Rechtsstaatlichkeit (Recht und Gerechtigkeit) sich nur in Freiheit entwickeln können. Zensur und alle Versuche, die Freiheit des Geistes, die Freiheit von Kunst, Kultur und Wissenschaft zu boykottieren, sollen aufgezeigt werden: „Wie kann man atmen ohne die Weltluft, die aus Büchern strömt?“ (Stefan Zweig)
Seit 2019 wird alljährlich am 30. April eine besondere Veranstaltung organisiert – jeweils zu einem Thema. Bislang waren dies „Zivilcourage“, „Haltung“, „Wahrheit“, „Widerstand“, „Freiheit“ und „Hoffnung“. Die Themen wurden in moderierten Gesprächen zur Diskussion gestellt, umrahmt von musikalischer Gestaltung. Diese Aktivitäten werden dokumentiert und sind abrufbar auf der Homepage der „Initiative Freies Wort“ (https://www.initiative-freies-wort.at/).
Die Veranstaltung 2026 wird sich dem Thema „RECHT &GERECHTIGKEIT“ widmen. Es wird bei einer öffentlichen Veranstaltung an der Universität Salzburg oder in der Alten Residenz (Eintritt frei) aufbereitet und in einer moderierten Podiumsdiskussion von verschiedenen Perspektiven aus kritisch hinterfragt. Bereits zugesagt haben die Autorin Sasha Marianna Salzmann, der Jurist Franz-Stefan Meissel und die Historikerin Linda Erker. Moderiert wird das Gespräch vom Journalisten und Buchautor Günter Kaindlstorfer. Musikalisch begleitet wird die Veranstaltung von der Cellistin Sophie Abraham. Anschließend gibt es beim Mahnmal eine Rezitation aus unterschiedlichsten Texten zum Thema RECHT & GERECHTIGKEIT sowie extra programmiertes Glockenspiel.
Warum „RECHT & GERECHTIGKEIT““? Die zahlreichen Bücherverbrennungen im Deutschen Reich ab 1933 und die „Salzburger Bücherverbrennung 1938“ nach der Annexion Österreichs sind Ausdruck der symbolischen Vernichtung eines freien kulturellen Lebens und Geistes. Nicht zuletzt, ja geradezu im Kern des Umbruchs, der den „Schutt“ eines alten demokratischen rechtsstaatlichen
„Systems“ hinter sich lassen sollte (und schrecklicherweise hinterließ), stand die Schaffung eines neuen, rassistisch und menschenverachtend grundierten Rechtssystems: Es spiegelte die NS-Ideologie wider. Individuelle Freiheiten und Rechte der Bürger*innen wurden unterdrückt, mit Hilfe des politisch gleichschalteten Polizei- und Justizapparates wurden Andersdenkende verfolgt, entrechtet. Dies bedeutete auch eine eklatante Umdeutung und Missachtung von Gerechtigkeit – man berief sich oft auf das „gesunde Volksempfinden“, das die Nationalsozialisten für sich vereinnahmten. Das skandalöseste Beispiel waren die rassistischen „Nürnberger Gesetze“ zum „Schutz des deutschen Blutes und der deutschen Ehre“ mit den darauf folgenden immer radikaleren Gesetzen, die den Raub und die Ermordung der jüdischen Bevölkerung vorbereiteten. Ein weiteres Beispiel waren die „Erbgesundheitsgerichte“, die den Massenmord an Menschen mit Beeinträchtigungen rechtfertigten. Eine derartige menschenverachtende Politisierung des Rechts bedeutete, den Umbau des Staates hin zur NS-Diktatur voranzutreiben und diese zu
legitimieren bzw. zu gewährleisten.
Natürlich ist „Gerechtigkeit“ wünschenswert, sie wird immer wieder ausgehandelt. Aber die Geschichte lehrt uns, dass der Begriff in der NS-Zeit missbraucht wurde. Es waren nur wenige, die den Mut hatten, für „Gerechtigkeit“ im Sinne von Menschlichkeit einzustehen und dafür ihr Leben und das ihrer Angehörigen zu riskieren. Dass die Historikerin Erika Weinzierl ein Buch mit dem Titel „Zu wenig Gerechte“ veröffentlichte, ist kein Zufall, denn nur sehr wenige Österreicherinnen und Österreicher waren bereit, die in ihrem Leben bedrohten Jüdinnen und Juden vorbehaltlos zu „retten“. Simon Wiesenthal war es, der mit dem 1988 erschienen Buch „Recht nicht Rache“ darauf hinwies, dass es für Menschen Handlungsspielräume gibt, die sich an Rechtsnormen orientieren. Wie schon bei den anderen zur Diskussion gestellten Begriffen, gilt es bei der Veranstaltung 2026 mit dem Thema „geRECHTigkeit“ die Bandbreite zwischen Ideal und Missbrauch auszuloten.
Tomas Friedmann, Albert Lichtblau, Karl Müller im September 2025